Interview mit Michel Le Roc’j, Sekretär der Gewerkschaft Force Ouvrière im Departement Loire- Atlantique, Frankreich

Dieses Interview mit einem Genossen von der französischen Gewerkschaft Force Ouvrière (FO), die in Österreich annähernd mit der FSG verglichen werden kann, wurde nach dem Kongress seines Gewerkschaftsverbandes, an dem er teilgenommen hat, geführt und zuerst am 13. Mai 2026 auf Französisch in den Informatios ouvrières veröffentlicht. Da darin zentrale aktuelle Fragen für die Gewerkschafts- ja überhaupt die Arbeiter*innenbewegung behandelt werden, veröffentlichen wir es hier gerne für euch auf Deutsch.

Du hast am Ende des Monats April am Bundeskongress von Force Ouvrière in Dijon teilgenommen. Was ist deine Meinung zu diesem Kongress?

Logo der französischen Force OuvrièreZunächst möchte ich eine Tatsache hervorheben: Es waren sehr viele Delegierte auf diesem Kongress anwesend. Auch gab es zahlreiche Wortmeldungen. Die meisten waren kämpferisch und fordernd.  Das ist ein Zeichen für die Gesundheit der Organisation und zeigt, dass es trotz der Offensive, die darauf abzielt, die Gewerkschaft zu einem Sprachrohr für Regierungsmaßnahmen zu machen, keinen Rückzug aus den Gewerkschaften gibt.

Natürlich wurden auf dem Kongress alle Fragen behandelt, die die Arbeiter*innenbewegung und darüber hinaus betreffen.

Wir sahen uns mit einer noch nie dagewesenen Situation konfrontiert, die jedoch im Einklang mit der seit mehreren Monaten entwickelten Ausrichtung stand.

Es wurde schnell klar, dass die scheidende Gewerkschaftsführung der Meinung war, den Kongress dazu nutzen zu müssen, diese Ausrichtung zu bestätigen. Sie wollte die Unterzeichnung der gemeinsamen Position aller Gewerkschaftsführungen vom 17. Dezember 2024 bestätigen lassen und sogar noch weiter gehen, um alle Konsequenzen dieser Unterzeichnung durchzusetzen. Ich erinnere daran, dass FO, CFDT, CFTC und CGC diese Erklärung gemeinsam mit den Arbeitgeberverbänden (Medef, CPME und U2P)  unterzeichnet haben. Und ich irre mich nicht, wenn ich von einer gemeinsamen Position spreche. Denn auch wenn die Führung der CGT diese Erklärung zwar nicht unterzeichnet hatte, hat sie in den folgenden Tagen doch dieselbe Position vertreten. Und tatsächlich hat sie diese weder verurteilt noch angeprangert. Ich verweise auf die Artikel, die die Wochenzeitung Informations ouvrières diesem Thema gewidmet hatte (Nr. 840 vom 7. Januar 2025 und Nr. 842 vom 23. Januar 2025, verfasst von Hubert Raguin).

Eine gemeinsame Erklärung vom 17. Dezember 2024 – worum ging es ?

Diese Erklärung ist gelinde gesagt erstaunlich, um nicht zu sagen verblüffend! Da sind sich nun die Bosse und die Gewerkschaftsführungen, jenseits aller Klassenbarrieren, auf denen die Gewerkschaftsbewegung beruht, einig und bekräftigen gemeinsam eine klare und eindeutige politische Position. Jenseits der Schönrednerei bekräftigen sie gemeinsam, dass man „so schnell wie möglich den Weg  zurück zu Stabilität, Klarheit und Ruhe finden“ müsse. Im Wörterbuch bedeutet „Stabilität“: „Eigenschaft dessen, was dazu neigt, im gleichen Zustand zu verbleiben“.

In der Realität erinnern wir uns daran, dass nach dem Sturz der Regierung von Herrn Barnier in der Nationalversammlung ein neuer Premierminister, F. Bayrou, an die Macht kam, der damit beauftragt war, weiterhin dieselbe reaktionäre und arbeiter*innenfeindliche Politik umzusetzen. Und während sich Kräfte, insbesondere mit La France Insoumise (LFI), formierten, um mit dieser volksfeindlichen Politik zu brechen – im Gegensatz zu den Macronist*innen, dem RN (Rassemblement national), der LR (die bürgerliche Partei Les Républicains) … unterstützt von der PS (Sozialistischen Partei) –, wurde genau in diesem Moment diese gemeinsame Position öffentlich verkündet und verteidigt.

So beschließen die Führungskräfte der Gewerkschaftsdachverbände im „Geiste der Verantwortung“ gemeinsam mit dem Kapital, dass die Dinge „so bleiben müssen, wie sie sind“. Das heißt also, Macrons Politik zu akzeptieren. Nur diejenigen, die ein Interesse daran haben oder sich vor den Folgen fürchten, weigern sich zu sehen, dass es sich um eine echte Infragestellung der Charta  von Amiens handelt.

Hatte dies Auswirkungen auf den Kongress?

Selbstverständlich, und es konnte gar nicht anders sein.

Auch wenn die ersten Auswirkungen bereits früher zu spüren waren (das Lavieren, die zweideutigen Erklärungen, die ergebnislosen Mitteilungen und die Weigerung, sich gemeinsam für wirksame Aktionen zu mobilisieren, sind unzählbar), war der Kongress Ausdruck dieses tiefgreifenden Widerspruchs.

Bei allen Themen, angefangen bei der Sitzung der Mandatskommission über die Ausschüsse, an denen bis zu 400 Kolleg*innen teilnahmen, bis hin zur Plenarsitzung am letzten Tag. Ein Widerspruch zwischen dem Versuch, alles umzusetzen, was diese gemeinsame Erklärung beinhaltet, und einer beträchtlichen Masse von  Delegierten und Verantwortlichen bis hin zur höchsten Ebene, die – trotz Meinungsverschiedenheiten untereinander (und man weiß um die Brisanz dieser besonderen Situation in der Gewerkschaft FO) – wollen der Essenz der Gewerkschaft treu bleiben und diese verteidigen, nämlich der Verteidigung der Interessen  der Arbeitenden und darüber hinaus der gesamten Gesellschaft, in völliger Unabhängigkeit vom Staat und von den politischen Parteien.

Alle Diskussionen, die teilweise sehr lebhaft waren, und sogar heftige Auseinandersetzungen waren von diesem Widerspruch geprägt.

Hitzige Diskussionen und sogar heftige Auseinandersetzungen?

Ich lasse die Zusammenstöße, die manchmal den Charakter organisierter Gewalt annehmen, einmal außer Acht. Sie sind der verzweifelte Ausdruck von Haltungen, die das Gegenteil einer demokratischen, wenn auch konfliktreichen Debatte darstellen. Sie sind vielmehr Ausdruck persönlicher Standpunkte aus einer vergangenen Zeit. Dass dies einen gewalttätigen Charakter annimmt, spiegelt zwar auch die allgemeine politische Lage wider, ist aber nicht das Wesentliche. Die Kongressteilnehmer*innen haben dies sehr wohl verstanden und reagierten in ihrer überwiegenden Mehrheit mit einer Verteidigung der Gewerkschaft, um diesen Vorfällen nur eine sehr relative Bedeutung beizumessen. Nein, wenn ich von lebhaften Diskussionen spreche, beziehe ich mich auf die grundlegenden Fragen der Orientierung für das gewerkschaftliche Handeln.

Die nationale Presse, die sich mit diesem Kongress befasste, stellte fest, dass das Thema Krieg die Diskussionen durchzogen habe …

Dieses Thema wurde tatsächlich heftig diskutiert. Nicht, dass die anderen Probleme unbedeutend wären. Ganz und gar nicht! Arbeitslosenversicherung, Sozialversicherung, der Abbau von Krankenhäusern, Löhne, das Rentensystem usw. – alle Forderungen führten zu Präzisierungen und spannenden Diskussionen.

Und wenn ich von einem tiefen Widerspruch spreche, wähle ich meine Worte mit Bedacht. Man kann sogar von einem Schock sprechen. Können Sie sich den Schock und die Fassungslosigkeit der überwältigenden Mehrheit der Delegierten vorstellen, denen man aufzwingen will, die traditionelle Position der FO zur Sozialversicherung abzulehnen? Denen man, anstatt „die Wiedereinführung aller Arbeitnehmer*innenbeiträge, das Ende der Befreiungen von Arbeitgeber*innenbeiträgen und die Abschaffung der CSG 8 [eine verpflichtende Sozialabgabe für alle – Anm. d. Ü.] zu fordern“, man „eine umfassende Reform der Finanzierung unseres Sozialmodells“ aufzwingen will? Ist Ihnen klar, dass Dutzende von Wortmeldungen nötig waren, um die Grundprinzipien der FO zur Sozialversicherung zu verteidigen! Gegen eine rein macronistische oder PS-Position. Letztendlich hat sich die Position durchgesetzt, die den Interessen der Arbeitenden entspricht. Und, als Anekdote, die vielleicht gar keine ist: Als die Resolution nach dem Kongress veröffentlicht und verbreitet wurde, war darin die abgelehnte Position enthalten! Genoss*innen haben sich zu Wort gemeldet, um dies zu korrigieren, was auch geschehen ist. Aber trotzdem! Und ich spreche gar nicht erst von der Frage dieser schändlichen und heimlichen Unterzeichnung des Abkommens zur Arbeitslosenversicherung. Die scheidende Führung hat ein Abkommen unterzeichnet, das sofort heftige Kritik sowohl in der Führung als auch an der Basis hervorgerufen hat. Nun, im Ausschuss wurde die Diskussion blockiert, obwohl eine Mehrheit dagegen war, Abkommen zu unterzeichnen, die die Rechte der Arbeitslosen einschränken!

Schließlich noch ein Wort zum Yadan-Gesetz. Der arbeiter*innenfeindliche Charakter dieses Gesetzentwurfs ist unbestritten. Er zielt schlicht und einfach darauf ab, das Gewissen zu disziplinieren und jegliche demokratische Reaktion zu unterbinden. Mit einem Ziel: jede Kritik am Völkermordregime von Herrn Netanjahu als Antisemitismus darzustellen und die Zusammenarbeit von Herrn Macron und seinen Unterstützer*innen mit diesem mörderischen Regime zu verschleiern.

Die Verteidigung der Demokratie und der Meinungsfreiheit – das ist ein Thema, für das sich die Gewerkschaftsbewegung schon immer eingesetzt hat!

Im Resolutionsentwurf der scheidenden Führung: Nichts, kein Wort! Es waren die Delegierten, die im Ausschuss das Problem angesprochen und einen Änderungsantrag zur Verurteilung dieses schändlichen Gesetzes vorgeschlagen haben. Die Vertreter*innen der scheidenden Führung in diesem Ausschuss haben sich hartnäckig gewehrt, um diesen Änderungsantrag abzulehnen. Es kam zur Abstimmung. Ergebnis: „176 für den Änderungsantrag, 195 dagegen.“ Der Änderungsantrag zur Verurteilung wurde somit abgelehnt. Das gereicht der scheidenden Führung nicht zur Ehre. Zumal ich mich hüten werde, mich zu den Abstimmungsbedingungen oder zur Auszählung unter sehr besonderen Umständen zu äußern. Aber ich bin sicher, dass diese „Mehrheit“ von sehr relativem Charakter, die sich sogar in den offiziellen Zahlen widerspiegelt, alle Gewerkschafter*innen nicht davon abhalten wird, gegen das zu kämpfen, was dieses Gesetz durchsetzen will. Und dass sie dies glücklicherweise gemeinsam mit allen sozialen und politischen Kräften tun können, die Angriffe auf die Demokratie ablehnen, wie es der Tradition der Arbeiter*innenbewegung entspricht.

Also, zur Frage des Krieges?

Die Frage des Krieges steht im Mittelpunkt der gesamten Arbeiter*innenbewegung und damit vor allem der Gewerkschaften. Man kann bei der einen oder anderen Forderung gewinnen oder verlieren, man kann eine Errungenschaft verlieren und sie später zurückerobern, die Mobilisierung kann erfolgreich sein oder scheitern. Man versammelt sich erneut und zieht wieder in den Kampf.

Bei der Frage des Krieges ist es dasselbe, aber gleichzeitig ganz anders. Sollte sich herausstellen, dass sich die Führungen der wichtigsten Gewerkschaftsbünde aus verschiedenen Gründen – enormer Druck, Angst oder persönliche Interessen, falsche Analysen – mit bereits altbekannten Argumenten (der äußere Feind, man kann nicht anders handeln usw.) nicht zusammenschließen, um gemeinsam gegen den Krieg zu mobilisieren, würden sie zum Krieg beitragen. Und zum Krieg, das heißt zur Auslöschung von Hunderttausenden von Frauen und Männern auf Schlachtfeldern im Namen von Interessen, die nicht die ihren sind.

Es geht nicht mehr „nur“ darum, eine Forderung zu gewinnen oder zu verlieren, es geht um Massaker und Barbarei. Um Leben oder Tod. Und Sie wissen, dass diese Frage des Krieges zu allen Zeiten eine entscheidende Frage für die Gewerkschaftsbewegung war, also erst recht heute, wo alle reaktionären politischen Kräfte von links bis rechts, alle, die nach Stabilität gieren, uns dorthin führen wollen.

Zunächst muss gesagt werden, dass die Frage des Krieges, in den Nachrichten allgegenwärtig ist, in den Äußerungen des Gewerkschaftsbundes weitaus weniger präsent ist – und das ist noch milde ausgedrückt. Von Aktionen, die es gar nicht gibt, rede ich gar nicht erst.

Das ist übrigens nicht nur beim Gewerkschaftsverband FO so: Es ist auch bei der CGT und bei den anderen Gewerkschaftsverbänden der Fall, wo dieses Thema von den Gewerkschaftsführungen völlig ausgeklammert wird.

Es ist nun fast drei Jahre her, dass die von Trump, Macron, Merz, Starmer … unterstützten Massaker und Bombardements der israelischen Armee die palästinensische Bevölkerung treffen, der schlichtweg die Auslöschung droht, und dennoch hat der Gewerkschaftsverband nichts getan und nichts oder nur sehr wenig gesagt.

Es gab zwar einen Brief des Generalsekretärs an den Präsidenten der Republik, zwei oder drei Erklärungen des Gewerkschaftsbundes, in denen die Situation verurteilt wurde – und das noch dazu mit zweideutigen Formulierungen, Vorsicht und Vorbehalten –, aber keine Initiative zur Mobilisierung, was zahlreiche Gewerkschaften oder Departementsverbände jedoch nicht davon abgehalten hat, zu handeln.

Als dürfe man die Exekutive, die in ihrer schändlichen Unterstützung der Regierung Netanjahu feststeckt, auf keinen Fall behindern.

Dies steht im Widerspruch zum gesamten Selbstverständnis des Gewerkschaftsbundes, der es verstanden hat, in wichtigen Momenten der Geschichte Stellung zu beziehen und zu Demonstrationen gegen den Krieg aufzurufen, insbesondere während des Algerienkriegs, aber auch während des Vietnamkriegs oder, in jüngerer Zeit, während des Irakkriegs. Davon sind wir heute weit entfernt!

Der Kongress des Gewerkschaftsbundes wurde also vor diesem Hintergrund eröffnet: Zahlreiche Delegierte aus allen Berufsgruppen und mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen ergriffen das Wort, um zu berichten, was sie vor Ort im Kampf gegen den Krieg, gegen die Kriegsbudgets und gegen die Regierung, die den Krieg vorantreibt, unternommen haben; viele von ihnen stellten einen Zusammenhang zwischen ihren Forderungen und der Einführung einer Kriegswirtschaft her.

Sehr oft bedauerten sie auch, dass der Gewerkschaftsverband sich weigert, irgendetwas im Bereich der Mobilisierung gegen den Krieg zu unternehmen.

Sie betonten außerdem eine Parole, die die tatsächliche Stimmung treffend zusammenfasst: „Geld für das Krankenhaus! Nicht für die Rafale [ein französischer Kampfjet – Anm. d. Ü.]!“ Der Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes ging auf diese Forderung ein und erklärte in seiner Antwort: „Wir brauchen beides!“, was im Saal übrigens Buhrufe und Pfiffe auslöste. Ich für meinen Teil bin der Ansicht, nein, man braucht nicht beides.

Ich bin der Ansicht, dass die Kriegswirtschaft im Widerspruch zur Erfüllung der Forderungen steht. Das ist die Tradition der unabhängigen Arbeiter*innenbewegung.

Und doch bin ich kein Pazifist: Ich bin der Ansicht, dass man den Unabhängigkeitskrieg des algerischen Volkes und den des vietnamesischen Volkes unterstützen musste, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Es ist mittlerweile eine Tatsache, dass die Milliarden, die für Verteidigung und Rüstung ausgegeben werden, offen – und ich würde sogar sagen: zwangsläufig – aus den Sozialhaushalten, aus den Mitteln für Krankenhäuser, Schulen, soziale Sicherheit, Löhne und Pensionen abgezogen werden.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Selbst wenn diese Regierung, die im Auftrag des Finanzkapitals handelt, die Rüstungsindustrie finanzieren könnte, ohne auch nur einen Cent aus den Sozialhaushalten anzutasten – was absolut unmöglich ist –, wäre ich dennoch dagegen, denn ich bin der Ansicht, dass kein*e Gewerkschafter*in akzeptieren und sich damit zufrieden geben kann, dass Arbeiter*innen dazu benutzt werden, Todesmaschinen herzustellen, die dazu bestimmt sind, andere Arbeiter*innen zu töten, um die Rüstungsindustriellen und die kapitalistische Wirtschaft zu bereichern. Das ist der Platz der Gewerkschaft, das ist die Rolle der Gewerkschaft, und davon abzuweichen hieße, die Gewerkschaft zu töten.

Der Genosse aus der Metallbranche von Ancenis, der großen Beifall erhielt, brachte diese Position in seiner Rede auf dem Kongress zum Ausdruck: „Wir werden niemals akzeptieren, dass unsere Fabriken, die von Toyota, Manitou oder die Gießerei Bouhyer, in Waffenfabriken umgewandelt werden. “ Jeder kennt den berühmten Satz von Anatole France: „Man glaubt, für das Vaterland zu sterben, doch man stirbt für die Industriellen.“ Er ist absolut aktuell. Als ich dieser Rede zuhörte und an die italienischen Hafenarbeiter*innen dachte, die gemeinsam mit ihren Gewerkschaften in den Streik getreten sind, um Waffenlieferungen nach Israel zu stoppen, sagte ich mir, dass es völlig legitim wäre, wenn alle Gewerkschaften eine Kampagne starten würden, um den Arbeiter*innen, die Waffen, Rüstungsgüter und Munition herstellen, dabei zu helfen, in den Streik zu treten, um die Produktion dieser Todesmaschinen einzustellen. Und dass sie fordern, dass ihr gesamtes Know-how, ihre Kompetenzen und ihre Arbeitskraft in Industrien umgeleitet werden, die dem Wohl der Menschen dienen. Zum Beispiel: Warum Rafale und keine Bombardier? Ja, aber Wasserlöschflugzeuge, an denen es uns schmerzlich mangelt und die angesichts der Klimaerwärmung zu einer absoluten Dringlichkeit werden sollten. Was die Flugzeugträger angeht: Warum nicht für die Handelsmarine, deren Bedarf uns bekannt ist, auch im Hinblick auf die Ökologie?

Nein, die Einstellung der Rüstungsproduktion ist nicht gleichbedeutend mit Entlassungen!

Eine lebhafte und leidenschaftliche Diskussion, wie zu erwarten war. Was hat sie gebracht?

Ich fasse Euch in groben Zügen die wesentlichen Punkte der Ausschussdiskussion über die allgemeine Entschließung zusammen.

Auch hier kam es zu einem Zusammenprall mit Versuchen der scheidenden Führung, die sich perfekt in der Wiederholung von Argumenten wie „Von Gaza wollen wir nichts hören“, „Der Krieg ist nicht das Problem“, „Eine allgemeine Verurteilung des Krieges reicht völlig aus“… oder auch diesen unglaublichen Argumenten zeigten: „Die Rüstungsindustrie ist für die Beschäftigung da“, „Den Kriegshaushalt abzulehnen bedeutet garantiert Entlassungen“ usw. Jeder, der in der Arbeiter*innenbewegung aktiv ist, kennt diese Art von leider traditionellen Argumenten. Es sind jene, auf die sich die Bosse stürzen, die Kriegsprofiteur*innen, die ein Interesse daran haben, dass sich Millionen gegenseitig umbringen.

Ein Konflikt mit all jenen, die diese Fehlentwicklung nicht akzeptieren konnten. So sehr, dass der Änderungsantrag, der im Widerspruch zur Position des Gewerkschaftsbundes stand, 42 % der Stimmen erhielt – auch hier unter sehr fragwürdigen Auszählungsbedingungen.

Eine Situation der festgefahrenen widersprüchlichen Position, was nicht der Tradition des Gewerkschaftsbundes Force Ouvrière entspricht, sondern eine Folge der Versuche ist, die traditionellen Positionen der CGT-FO grundlegend in Frage zu stellen.

So haben Aktivist*innen und Verantwortliche, die sich bei weitem nicht in allen Positionen einig sind, mit teilweise sehr widersprüchlichen Ansichten, die jedoch seit langem ein ehrliches und tiefes Anliegen für den Erhalt des Gewerkschaftsbundes FO mit all seinen Komponenten teilen, in völliger Unabhängigkeit beschlossen, folgenden Änderungsantrag einzubringen: „Der Kongress lehnt die endlose Erhöhung der Militärausgaben zum Nachteil des öffentlichen Dienstes ab, die mit der Erfüllung der Forderungen unvereinbar ist. Er fordert einen Waffenstillstand überall auf der Welt, insbesondere in der Ukraine, im Iran und im Libanon, sowie die Beendigung der Massaker in Palästina. Der Kongress ruft seine Gewerkschaften dazu auf, die notwendigen Initiativen zu ergreifen, um Krieg zu verhindern.

Da eine Eskalation vermieden wurde, wurde dieser Änderungsantrag fast einstimmig angenommen.

Wie beurteilst du dieses Gesamtbild?

Wie ihr aus meinen früheren Ausführungen zum Krieg und zu den Kriegsbudgets sicher verstanden habt, bringt der Ausdruck „endloser Anstieg der Militärausgaben“ nicht meine ganze tiefe Überzeugung zum Ausdruck. Ich gehöre zu denen, die diesen Änderungsantrag eingebracht haben. Ich habe dafür gestimmt, bereue es keineswegs, und da ich persönlich eine Ethik der Mandatserfüllung habe, werde ich ihn verteidigen und vor allem umsetzen. In seiner Gesamtheit, mit dem, was mir zusagt, und dem, was mir weniger zusagt. Als Gewerkschafter und aufgrund meiner politischen Prägung habe ich diesen Satz von Karl Marx immer sehr geschätzt: „Jede Etappe der realen Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“ Sie  verstehen, dass eine einstimmige Abstimmung, die die Massaker in Gaza anprangert, dem gesamten Gewerkschaftsbund CGT-FO zur Ehre gereicht. Das bedeutet, dass sich der Gewerkschaftsverband CGT-FO bis heute, und jedenfalls in seinen Kongressdokumenten, nicht in das Lager derjenigen einreiht, für die die Verurteilung von Netanjahu Antisemitismus bedeutet. Und das gilt insbesondere in dieser Zeit der Instrumentalisierung gegen all jene, die unter dieser schändlichen Gleichsetzung leiden, was von der LFI bis hin zu Jüd*innen selbst reicht, die keine Zionist*innen sind.

Ich bin überzeugt, dass alle Aktivist*innen und Gewerkschaftsmitglieder, insbesondere im Gesundheitswesen, die sich gegen die Zerstörung der Krankenhäuser in Gaza und die Ermordung des Gesundheitspersonals gewehrt haben und die deshalb den Zorn der Führung ihres eigenen Verbandes auf sich gezogen haben, in ihren Kämpfen bestärkt werden müssen. Ich muss demjenigen danken, der in letzter Minute einen letzten Versuch unternommen hat. Er schlug vor, das Wort „gewerkschaftlichen“ zu „(…) die notwendigen Initiativen (…)“ hinzuzufügen. Dieser Versuch wurde vom Kongress abgelehnt. Dies bestätigt, dass für eine*n Gewerkschafter*in, der diesen Namen verdient, der Kampf gegen den Krieg nicht durch Ausgrenzungen behindert werden darf. Ja, der Kampf gegen den Krieg erfordert die größtmögliche Einheit, jeweils auf dem entsprechenden Gebiet, seien es politische Parteien, LFI oder andere, Vereine, Demokrat*innen, Antimilitarist*innen …

Es ist eine Frage von Leben und Tod. Und ich begrüße die kürzlich in Saint-Nazaire vom antimilitaristischen Kollektiv „A bas la guerre !'“ (Nieder mit dem Krieg !) aus Saint-Nazaire perfekt organisierte Kundgebung, an der Gewerkschaften, Verbände, demokratische Organisationen und Parteien teilnahmen, um zu sagen: Nein zum Flugzeugträger.

Ein letztes Wort. Ich habe gesagt, dass ich dem einstimmigen Beschluss des Kongresses treu bleibe. Das sind keine leeren Worte. Der Kongress hat fast einstimmig „Ablehnung der endlosen Erhöhung der Militärhaushalte“ beschlossen. Nun, jetzt ist es soweit! Vor drei Tagen gab es den Vorschlag für eine erneute Aufstockung des Militärhaushalts um 36 Milliarden.

Getreu dem Auftrag werde ich dem nächsten Exekutivkomitee eine klare und eindeutige Erklärung gegen diese erneute Erhöhung sowie den Vorschlag für entsprechende gemeinsame Maßnahmen vorlegen.

Noch ein Wort. Die gesamte Gewerkschaftsbewegung scheint sehr besorgt über den Aufstieg der extremen Rechten zu sein. Deine Meinung dazu?

Sie haben Recht, und ich teile diese Besorgnis und diese Angst! Es versteht sich von selbst, dass die Tradition und die Haltung der überwältigenden Mehrheit des Gewerkschaftsbundes FO darin bestehen, die extreme Rechte abzulehnen. Alle politischen Parteien, die sich der extremen Rechten widersetzen und entsprechend handeln wollen, haben Recht. Ich werde dabei sein.

Für mich als Gewerkschafter bedeutet der Kampf gegen die extreme Rechte, den Abdrift in die Zerstörung der Gewerkschaften abzulehnen, alle Forderungen der Arbeiter*innen aufrechtzuerhalten und dafür zu kämpfen. Und heute gegen alle Regierungen, die uns durch ihren Kampf gegen die Arbeiter*innenklasse dorthin führen wollen.

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