Rede eines ukrainischen Aktivisten auf der internationalen Antikriegskonferenz in London am 20.06.2026

Wir veröffentlichen hier für euch die von uns übersetzte Rede eines ukrainischen Aktivisten auf der internationalen Antikriegskonferenz in London am 20.06.2026, die mehr als deutlich macht, dass die Stimmung in der Ukraine in Bezug auf den Krieg doch ziemlich anders ist als in unseren Medien dargestellt.

Mein Name ist Igor. Ich habe den größten Teil meines Lebens in der Ukraine verbracht – einem Land, in dem seit vielen Jahren Menschen unter russischen Bomben und Raketen sterben und in dem Millionen Menschen gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen, um den Schrecken des Krieges zu entkommen.

Ich spreche im Namen der Union der postsowjetischen Linken und der Koalition „Peace from Below“ (Friede von Unten) als Ukrainer und linker Internationalist.

Ich möchte von vornherein klarstellen: Die russische Invasion ist ein Verbrechen gegen das Volk der Ukraine. Es ist ein Akt imperialistischer Aggression der russischen herrschenden Klasse gegen mein Land. Diese Tatsache anzuerkennen bedeutet jedoch nicht, die ukrainischen Oligarch*innen, die ukrainische Regierung oder die von ihnen verfolgte Politik zu unterstützen.

Allzu oft werden wir vor eine falsche Wahl gestellt. Sie sagen uns: Entweder du unterstützt Selenskyj oder Putin. Entweder russischer Chauvinismus oder ukrainischer Nationalismus. Entweder die eine herrschende Elite oder die andere.

Aber die arbeitenden Menschen in der Ukraine, in Russland, Großbritannien, im Iran, im Sudan, im Kongo oder in Palästina sind nicht verpflichtet, sich zwischen verschiedenen herrschenden Klassen zu entscheiden. Schließlich sitzen die Oligarch*innen nicht in den Schützengräben. Minister*innen sterben nicht unter Granatfeuer. Und die Eigentümer*innen der größten Konzerne verlieren ihre Kinder nicht an der Front. Überall auf der Welt führen lokale herrschende Klassen Kriege, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, wobei sie die Interessen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung völlig außer Acht lassen.

Heute ruft die ukrainische herrschende Klasse im Namen der NATO-Integration zum Krieg auf, um ein System zu erhalten, in dem die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt, während die Oligarch*innen Gewinne einstreichen, und um die territoriale Integrität um jeden Preis wiederherzustellen, ohne Rücksicht auf das Leben von Hunderttausenden, wenn nicht Millionen einfacher Ukrainer*innen. Während ukrainische Oligarch*innen und politische Eliten sich Luxuswohnungen in Monaco kaufen und sich mitten im Krieg elitäre Landsitze in der Nähe von Kiew errichten, lasten die vollen Kosten des Krieges auf den Schultern von Arbeiter*innen, Student*innen, Pensionist*innen, Arbeitslosen und armen Familien. Sie lasten auf den Schultern derer, die die ukrainischen Behörden gegen ihren Willen für diesen Krieg mobilisieren – und zwar jeden einzelnen Tag!

In der Ukraine sind Millionen von Menschen mit einem Rückgang des Lebensstandards, der Zerstörung der Infrastruktur, allgegenwärtiger Korruption, verschärfter politischer Unterdrückung und gewaltsamer Zwangsmobilisierung konfrontiert. Und trotz alledem leisten viele Menschen weiterhin Widerstand – nicht nur gegen die russische Aggression, sondern auch gegen die menschenverachtende Politik ihres eigenen Staates.

Ende März dieses Jahres nahm die Polizei Yuriy Shelyazhenko, den Anführer der ukrainischen Friedensbewegung, fest und schlug ihn. Die Behörden haben wegen seiner pazifistischen Überzeugungen Strafanzeige wegen „Rechtfertigung der russischen Aggression“ gegen ihn erstattet. Seit April 2024 befindet sich der linke Aktivist Bohdan Sirotiuk in Untersuchungshaft, wo ihm die medizinische Versorgung verweigert wird, die er braucht, weil er die NATO verurteilt und dazu aufgerufen hat, dass sich ukrainische und russische Arbeiter*innen vereinen, um diesen schrecklichen Krieg gemeinsam zu beenden.

Die Ukrainer*innen wollen ihre Häuser, ihre Familien und ihr Recht auf ein unabhängiges Leben verteidigen. Aber sie verstehen nicht, wofür sie kämpfen! Für welche „Freiheit und Unabhängigkeit“ sollten sie bereit sein, ihr Leben zu opfern, wenn sie um sich herum nichts als Armut, Ungerechtigkeit, Diskriminierung und politische Unterdrückung aller Andersdenkenden sehen?

Die entscheidende Frage ist nicht, wie man die Menschen zum Kämpfen zwingen kann, sondern welche Art von Ukraine das Volk tatsächlich verteidigen möchte. Ich bin überzeugt, dass das ukrainische Volk eine Ukraine verteidigen will, in der die Lasten des Krieges gerecht verteilt werden. Eine Ukraine, die der Mehrheit gehört, nicht den Oligarch*innen und politischen Eliten. Eine Ukraine ohne Zwangsmobilisierung, ohne sprachliche Diskriminierung und ohne politische Unterdrückung. Eine Ukraine, die wirklich nach Frieden strebt, nicht nach endlosem Krieg und Diktatur. Sofortiger Frieden ist jetzt das vorrangige Interesse des ukrainischen Volkes, nicht Kapitulation, wie unsere herrschende Klasse es darzustellen versucht.

Wenn die russische Führung kein Interesse am Frieden hat, müssen wir Verbündete innerhalb der russischen Gesellschaft suchen – unter Deserteuren, Wehrdienstverweigerern, Antikriegsaktivist*innen, Migrant*innen und all jenen, die sich diesem Krieg widersetzen. Daher sind russische Deserteure keine Feinde des ukrainischen Volkes, sondern potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Krieg. Und dasselbe gilt für ukrainische Kriegsdienstverweigerer, Flüchtlinge, linke Aktivist*innen, Gewerkschafter*innen und alle demokratischen Kräfte, die sich weigern, für fremde Interessen zu sterben.

Doch daran haben die europäischen Regierungen kein Interesse. Während sie im Namen von „Freiheit und Demokratie“ ihre Unterstützung für das ukrainische Volk bekunden, verschließen sie bewusst die Augen vor der Verfolgung von Antikriegsaktivist*innen, politischer Unterdrückung, sprachlicher Diskriminierung und Zwangsrekrutierung. Führende europäische Regierungen vergessen alle „Menschenrechte“ völlig, wenn es um Gewinne aus Waffenlieferungen und internationalen Krediten geht, wie uns Palästina, der Libanon, der Iran und Dutzende anderer Opfer des westlichen Imperialismus in seiner barbarischsten Form auf der ganzen Welt gezeigt haben.

Die arbeitenden Menschen auf der ganzen Welt befinden sich nun im Spannungsfeld zwischen westlichem und antiwestlichem Imperialismus, die sich lediglich in den Gesichtern an der Spitze des Systems unterscheiden. Ein System, in dem Nationalismus dazu genutzt wird, Menschen zu spalten, und Kriege dazu dienen, die Macht der großen Konzerne und politischen Eliten zu festigen. Genau deshalb ist eine starke internationale Antikriegsbewegung heute mehr denn je notwendig.

Sie muss all jene vereinen, die durch Staatsgrenzen, nationalistische Propaganda und Kriegshysterie gespalten werden sollen. Sie muss ukrainische und russische Kriegsgegner*innen mit Antikriegsaktivist*innen in Europa, im Nahen Osten und auf der ganzen Welt verbinden. Die Hauptaufgabe der Antikriegsbewegung besteht heute darin, zu zeigen, dass es eine Alternative zum endlosen Krieg gibt – eine Alternative, die auf internationaler Solidarität und den gemeinsamen Interessen der einfachen Menschen auf beiden Seiten der Frontlinie beruht.

Als Teil dieser Bewegung müssen wir alle dafür sorgen, dass die Stimmen jener Millionen von Menschen gehört werden, die weder töten, noch sterben, noch für die politischen Ambitionen anderer bezahlen wollen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die herrschenden Eliten im Namen ganzer Nationen sprechen! Wir rufen alle Konferenzteilnehmer*innen dazu auf, sich den internationalistischen Antikriegsbewegungen anzuschließen. Die Arbeit vor Ort zu organisieren, in Gewerkschaften, öffentlichen Vereinigungen und lokalen Gemeinschaften. Zu fordern, dass ihre Regierungen weltweit die Menschenrechte schützen, Kriegsdienstverweigerer*innen und politische Flüchtlinge und diejenigen unterstützen, die von unten Widerstand gegen den Krieg leisten.

Als Allianz der postsowjetischen Linken und „Peace from Below“ wenden wir uns gegen den russischen Imperialismus, den NATO-Militarismus, die israelische Besatzung und jede Politik, die einfache Menschen den Interessen von Staaten, Armeen und Oligarch*innen opfert. Wir lehnen Zwangsrekrutierung, politische Unterdrückung und die Verfolgung von Antikriegsaktivist*innen ab. Wir setzen uns für ein sofortiges Ende des Krieges, für demokratische Rechte und ein menschenwürdiges Leben für die Mehrheit der Menschen ein.

Wir stehen für internationale Arbeiter*innensolidarität. Für den Frieden von unten. Und für das Volk – gegen Kapitalismus und Krieg! Echte Solidarität mit der Ukraine bedeutet, das ukrainische Volk zu unterstützen, und nicht dessen Regime!

Vielen Dank!

(eigene Überstzung der auf Englich gehaltenen Rede)

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.