Ben Gurion: Wir kamen und haben ihr Land gestohlen. Warum sollten sie das akzeptieren?

Eigentlich muss dem folgenden Zitat gar nichts mehr hinzugefügt werden. Israels erster Premierminister beschreibt darin einzig die historischen Tatsachen. Wer allerdings die Aussagen heutiger israelischer Politiker*innen damit vergleicht, wird höchst erstaunt sein, wie ehrlich Ben Gurion im Vergleich zu diesen war. Vielleicht, weil er sich nicht nur als Zionist, sondern auch als Sozialist sah?

„Wenn ich ein arabischer Führer wäre, würde ich nie einen Vertrag mit Israel unterschreiben. Es ist normal; wir haben ihr Land genommen. Es ist wahr, dass es uns von Gott versprochen wurde, aber wie sollte sie das interessieren? Unser Gott ist nicht ihr Gott. Es gab Anti-Semiten, die Nazis, Hitler, Auschwitz, aber war es ihre Schuld? Sie sehen nur eine Sache: Wir kamen und haben ihr Land gestohlen. Warum sollten sie das akzeptieren?“ David Ben-Gurion erster und langjähriger Premierminister von Israel

1 Kommentar

  1. Manchmal reicht ein einziger Satz aus, um einen historischen Konflikt besser zu verstehen als Hunderte Seiten offizieller Propaganda.

    David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, wird mit einer Aussage zitiert, die gerade wegen ihrer Offenheit bemerkenswert ist. In einem Gespräch, das später von Nahum Goldmann, dem damaligen Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, wiedergegeben wurde, soll Ben Gurion sinngemäß gesagt haben: Wenn er an der Stelle eines arabischen Führers wäre, würde er niemals mit Israel Frieden schließen – denn „wir haben ihr Land genommen“. Und weiter: Wenn wir glauben, dass Gott uns dieses Land versprochen hat – welche Bedeutung soll dieses Versprechen für Menschen haben, die an unseren Gott nicht glauben und seit Jahrhunderten dort leben?

    Das Entscheidende an dieser Aussage ist nicht nur der Satz „wir haben ihr Land genommen“. Entscheidend ist, dass Ben Gurion hier zumindest die Perspektive der anderen Seite nachvollzieht.

    Er sagt nicht: Die Palästinenser seien von Natur aus friedensfeindlich. Er sagt nicht: Das Problem liege in einem besonderen Hass der Araber auf die Juden. Er formuliert die Frage viel einfacher:

    Wenn ein Volk erlebt, dass eine andere Gruppe kommt, sein Land übernimmt und anschließend von ihm verlangt, diese Tatsache zu akzeptieren – warum sollte es das akzeptieren?

    Genau deshalb ist diese Aussage für das Verständnis der Geschichte Palästinas so wichtig.

    Denn die Geschichte Palästinas lässt sich nicht allein mit der Erzählung erklären, Juden seien Opfer von Verfolgung und Vernichtung in Europa gewesen. Diese Verfolgung – und insbesondere der Holocaust – war eine der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und kann durch nichts relativiert oder gerechtfertigt werden.

    Aber die Verbrechen, die in Europa an den Juden begangen wurden, waren nicht die Schuld der Palästinenser.

    Hier müssen zwei Dinge voneinander getrennt werden:

    Das Recht der Juden auf Sicherheit, Gleichberechtigung und ein Leben ohne Verfolgung ist etwas völlig anderes als das Recht einer politischen Bewegung, einem anderen Volk seine Heimat und seine Rechte zu nehmen.

    Gerade für eine linke und internationalistische Position ist diese Unterscheidung entscheidend.

    Die Verteidigung der Rechte der Juden bedeutet nicht, den Zionismus als politische Ideologie unterstützen zu müssen. Ebenso bedeutet die Verteidigung der Rechte der Palästinenser nicht, Juden zu hassen oder Antisemitismus zu rechtfertigen.

    Aus marxistischer Perspektive muss man noch einen Schritt weitergehen.

    Man sollte die Geschichte nicht lediglich als einen Konflikt zwischen zwei Völkern oder zwei Religionen betrachten. Man muss auch die politischen, ökonomischen und internationalen Kräfte untersuchen, die diesen Konflikt hervorgebracht und verschärft haben: Kolonialismus, die Aufteilung des Nahen Ostens durch die Großmächte, Flucht und Vertreibung, die Interessen imperialistischer Mächte und die Entstehung moderner Nationalstaaten.

    Auch die Rolle des sogenannten Arbeiterzionismus muss kritisch betrachtet werden. Ben Gurion und seine politische Strömung verstanden sich selbst als sozialistisch. Doch die Selbstbezeichnung als Sozialist bedeutet keineswegs, dass die Politik des zionistischen Arbeiterlagers mit einem internationalistischen Sozialismus gleichgesetzt werden kann.

    Gerade darin liegt eine der großen historischen Widersprüche: Wie konnte eine Bewegung, die innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft Elemente von Sozialismus, Gewerkschaften und genossenschaftlicher Organisation entwickelte, gleichzeitig gegenüber der arabischen Bevölkerung Palästinas eine Politik verfolgen, die mit Enteignung, Verdrängung und nationaler Vorherrschaft verbunden war?

    Deshalb sollte man Ben Gurion weder zu einem „Friedenshelden“ verklären noch seine Aussagen einfach ignorieren.

    Der historische Wert dieses Zitats liegt gerade darin, dass es einen grundlegenden Widerspruch sichtbar macht:

    Wenn wir an der Stelle der Palästinenser gewesen wären – hätten wir einfach akzeptiert, dass unsere Häuser und unser Land verloren gehen?

    Die Antwort ist offensichtlich: Nein.

    Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Lehre dieser Aussage für die Gegenwart.

    Frieden entsteht nicht dadurch, dass man ein Volk dazu zwingt, seine Entrechtung, Besatzung oder Vertreibung als unveränderliche Realität zu akzeptieren.

    Frieden kann nur entstehen, wenn die Rechte der Palästinenser und der jüdischen Bevölkerung gleichermaßen anerkannt werden – ohne eine Hierarchie der Menschenrechte und ohne das Recht der einen Nation, über die andere zu herrschen.

    Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, was Ben Gurion damals gesagt hat.

    Die entscheidende Frage lautet:

    Können wir heute noch dieselbe einfache Wahrheit erkennen, die er in diesem Moment ausgesprochen hat?

    Wenn Menschen erleben, dass ihnen ihre Heimat und ihr Land genommen werden, ist es nicht schwer zu verstehen, warum sie Widerstand leisten.

    Und wer wirklich Frieden will, sollte deshalb nicht zuerst vom Opfer verlangen, die Folgen der Ungerechtigkeit zu akzeptieren.

    Er sollte zuerst die Ungerechtigkeit selbst anerkennen.

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