Wir veröffentlichen hier für euch übersetzt einen Auszug aus einer Rede des sozialdemokratischen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon am 20.10.2026 zur aktuellen Situation in Frankreich. Mélenchon ist der Gründer der mittlerweile mit Abstand größten linken Partei Frankreichs La France Insoumise und liegt derzeit in Umfragen mit großem Abstand vor allen anderen schon bekannten linken Kandidat*innen.
Der 11. November ist der Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs. Und der Erste Weltkrieg spielt für uns Linke eine grundlegende Rolle, denn nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Erste Republik gegründet, von der erhofft wurde, dass sie eine kommunistische Republik im Sinne unseres Verständnisses sein würde. Und weil sich damals die entscheidenden Fragen nach Frieden, Krieg, der Art und Weise der Machtergreifung und der Ausübung der Macht stellten. Damals gab es eine mächtige Bewegung gegen den Krieg, in der unser französischer Vordenker schließlich sein Leben ließ – im Kampf gegen den Krieg. Es war Jean Jaurès, der ermordet wurde.
Für uns bedeutet der 11. November also all das zugleich – und dazu noch den Sieg. Aber es gab drei Millionen Tote, es gab zwei Millionen Verwundete, es war eine weltweite Katastrophe, ein schreckliches Gemetzel.
Deshalb gehe ich jeden 11. November, egal wo ich bin, an einen Ort, an dem die Liste [der Opfer] verlesen wird. Und für mich ist das eine Lektion. Man verliest die Liste, und ich höre die Namen. Ich kenne sie nicht, ich stamme nicht aus der Gegend: „Jean-Pierre Jacomo, François Jacomo, Paul Jacomo, André Jacomo“. Dann ein weiterer Name, noch einer, noch einer, noch einer. Und ich höre die Listen: Das bedeutet, dass alle Männer der Familie gestorben sind, in winzigen Dörfern.
Auf Korsika schickten sie bis zu neun Jungs in den Krieg. In der Bretagne war bis zu sechs Jungs. Anderswo hörten sie nach drei auf, die Männer in den Tod zu schicken. Das war der Erste Weltkrieg. Er ist Teil unserer Geschichte; er prägt unsere Art, Geschichte zu begreifen. Ich gehe am 11. November hin. Ihr macht, was ihr wollt, aber ich gehe hin.
Und am 11. November, jetzt, da ich euer Sprecher bin, begnüge ich mich nicht damit, zum Kriegerdenkmal der Stadt zu gehen, in der ich mich gerade befinde. Ich gehe dorthin, wo es Sinn macht und wo sie dem treu geblieben sind, wofür wir eintreten. Denn wir, die „Insoumis“ [die Ungehorsamen], haben ein Gesetz zu diesem Thema durchgesetzt.
Meine Damen und Herren, während des Krieges waren diejenigen, die mutiger waren als alle anderen, diejenigen, die nicht mitmachen wollten, denn diese waren sich sicher, erschossen zu werden. Sie waren sich sicher, erschossen zu werden. Sie waren keine Feiglinge, sie waren keine Verräter, sie waren keine Angsthasen. Und deshalb sind wir, die Insoumis, historisch mit ihnen verbunden, denn es ist unsere Aufgabe, diese Geschichte weiterzutragen, da es jetzt nur noch uns gibt, die zahlreich, stark und organisiert sind.
Wir sind es, die diese Geschichte weitergeben … Wisst ihr, wie man sie nannte? Die Ungehorsamen. In den Berichten der Armee heißt es „die Ungehorsamen“. Sie erschossen die Ungehorsamen.
Und wir haben auf Initiative von Bastien Lachaud ein Gesetz verabschiedet, das besagt, dass diese „Insoumis“ keine Verräter sind und dass sie rehabilitiert wurden, damit ihre Namen zusammen mit denen der anderen Gefallenen aufgelistet werden.
Genau das werde ich auf der Hochebene von Millevaches [Hochplateau in Zentralfrankreich] tun, Herr Lisnard [rechter Bürgermeiste von Cannes]. Zunächst einmal ist es nicht das Plateau von Millevaches, wie sie glauben. Es ist das Plateau von Gentioux. Und wissen Sie, warum ich dorthin fahre? Weil dort auf dem Kriegerdenkmal in großen Buchstaben steht: „Nieder mit dem Krieg!“
Und genau das ist es, was ich heute als Botschaft verkünden möchte: Nieder mit dem Krieg!
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