Zum hundertsten Jahrestag des britischen Generalstreiks sehen wir uns an, was wir heute noch aus diesem für den Kampf gegen die Angriffe auf die historischen Errungenschaften der Arbeiter*innenbewegung und die Unterordnung unserer Gewerkschaften unter die Interessen des Kapitals lernen können.
Begonnen hat alles am 30. Juni 1925 als die Bosse der Kohlenindustrie alle bestehenden Lohn- und Gehaltsvereinbarungen mit der 900.000 Mitglieder starken Bergarbeiter*innengewerkschaft (MFGB – Miners Federation of Great Britain) mit sofortiger Wirkung kündigten und die Bezahlung der Beschäftigten einseitig verringerten. Die Antwort des kurz zuvor gewählten kämpferischen Generalsekretärs der MFGB Arthur James Cook lautete „Not a penny off the pay, not a minute on the day“ (sinngemäß: nicht ein Cent weniger Lohn, nicht eine Minute mehr am Tag).
Der Trades Union Congress (TUC – der britische Gewerkschaftsdachverband), welcher in der Zeit davor stark nach links gegangen war, kündigte sofort Solidaritätsstreiks an. Da die konservative Regierung nicht auf einen Generalstreik vorbereitet war, musste sie zurückweichen und kündigte für neun Monate Lohnzuschüsse für die Bergarbeiter*innen an. Weiters sollte eine Kommission die Zukunft der Bergbauindustrie diskutieren. Die MFGB forderte nämlich die vollständige Verstaatlichung aller Minen.
Die britische Arbeiter*innenbewegung bezeichnet diesen Sieg seit Jahrzehnten als „Roten Freitag“. da dieser die Stärke der Solidarität von uns Lohnabhängigen unter Beweis stellt. Doch der Erfolg sollte nicht von Dauer sein. Während sich die Gewerkschaftsführung in ‚ihrem Erfolg‘ sonnte, statt sich auf die kommenden Angriffe vorzubereiten, begannen Regierung und Unternehmen sofort mit der Planung ihrer nächsten Schritte. Zuerst wurden zahlreiche Verfassungsrechte außer Kraft gesetzt, Polizei und Armee gestärkt, sowie die Organisation for Maintenance of Supplies (OMS – Organisation zur Aufrechterhaltung der Versorgung) – eine Organisation von Streikbrecher*innen zur Aufrechterhaltung der Versorgungswege auf Straße und Schiene ins Leben gerufen.
Nachdem viele Gewerkschaftsführungen zwar in Worten, aber nicht in Taten kämpferisch waren, lag es an der Basis, sich selbst auf die kommenden Auseinandersetzungen vorzubereiten. Das sog. Minority Movement (Minderheitenbewegung) wurde in der Folge von unten aufgebaut und konnte an seinem Höhepunkt, kurz vor Beginn des Generalstreiks, bei einer von ihm veranstalteten Konferenz Vertreter*nnen von 547 Gewerkschaftskörperschaften, die 957.000 Arbeiter*innen vertraten, begrüßen. Auf dieser Konferenz wurde zur Gründung lokaler Aktionskomitees aufgerufen, welche den Streik organisieren und politisch führen sollten. Außerdem sollten diese die Verteidigung der Arbeiter*innen gegen Streikbrecher*innen, Faschist*innen und den bürgerlichen Staat vorbereiten. Hier können wir erkennen, wie eine alternative Gewerkschaftsführung hätte aussehen müssen, die den Streik zum Erfolg hätte führen können. Da es zu viel Vertrauen in die Gewerkschaftsspitze gab, wurde diese Chance aber leider verspielt.
Offensive der Bosse
Im März 1926 ging die konservative Regierung schließlich in die Offensive: Die Förderungen für die Beschäftigten der Kohlebergwerke sollten gestrichen werden, was unmittelbar zu massiven Lohnverlusten und Arbeitsplatzverlusten geführt hätte. Ein Erfolg dieser Maßnahmen hätte in anderen Branchen zu vergleichbaren Angriffen führen können. Die Bergarbeiter*innengewerkschaft wies diese Vorschläge dementsprechend zurück und erklärte ihre Streikbereitschaft; der TUC erklärte seine volle Unterstützung für die Bergarbeiter*innen.
Gleichzeitig konnten die weniger kampfbereiten Kräfte in der Führung des TUC aber durchsetzen, dass dessen Unterstützung für den Generalstreik daran gebunden wurde, dass die Bergarbeiter*innen das Verhandlungsergebnis akzeptieren, welches das mehrheitlich genau aus diesen Kräften besetzte Verhandlungskomitee für sie erzielen würde. Dieses sollte beim Premierminister um einen Kompromiss „bitten und betteln“. Diese Kräfte im TUC hatten schließlich auch mehr Angst davor, dass sich der Kampf der Bergarbeiter*innen wie ein Lauffeuer im Land ausbreiten würde als vor einer Niederlage der Bergarbeiter*innen. Ein fataler Fehler, wenn bedacht wird, dass sich die Kumpel bereits mit einer Aussperrung durch die Bosse konfrontiert sahen!
In dieser Situation brach die Regierung die Verhandlungen ab und brachte zum Ausdruck, dass es keine weiteren Gespräche geben würde, bis die Drohung des Generalstreiks bedingungslos zurückgenommen worden wäre. Doch die Aussperrung und der Druck von unten zwangen die Führung des TUC, den Generalstreik auszurufen. Trotz der Schwäche der Führung war die Antwort der Basis überaus eindrucksvoll. In einer ersten Welle wurden nicht alle Beschäftigten zum Streik aufgerufen, sondern nur ca. 1,75 Millionen Beschäftigte bei der Eisenbahn, im Transport, die Hafenarbeiter*innen, Drucker*innen, sowie die Eisen- und Stahlarbeiter*innen. Um den Streik auf lokaler Ebene zu koordinieren, rief jetzt auch der TUC dazu auf, Aktionskomitees zu bilden.
Macht der Basis
Nachdem der britische Staatsrundfunk die Regierung vollkommen unterstützte, sprossen lokale Streikbulletins wie Pilze nach dem Regen. Die Aktionskomitees versammelten Arbeiter*innen aus allen Branchen und den verschiedensten politischen Organisationen. Manche davon wurden zu echten Ansätzen für Arbeiter*innenkontrolle. Sie verteilten Nahrung und organisierten den Transport. Sie organisierten die Selbstverteidigung gegen Polizeiangriffe und die Streikbrecher*innen. Sie gaben Zeitungen heraus, um die Propaganda von Winston Churchill’s gegen den Streik gerichteter Zeitung „The British Gazette“ zu kontern. Die Zeitung des TUC „The British Worker“ (Der britische Arbeiter) erreichte zum Ende des Streiks eine Auflage von einer Million.
Wo die Aktionskomitees erfolgreich waren und auch Selbstverteidigungseinheiten aufbauten, konnte im Gegensatz zu anderen Regionen verhindert werden, dass Streikbrecher*nnen die Produktion übernahmen oder Polizei bzw. Militär die Betriebe und Arbeiter*innenviertel besetzten. Durch solche Beispiele gewann der Streik im ganzen Land an Stärke. Gleichzeitig versuchten manche Gewerkschaftsführungen verzweifelt, das bedrohte kapitalistische System und ihre persönliche Macht zu retten. Denn jeder einzelne Tag, den der Streik andauerte, zeigte den Arbeiter*innen mehr und mehr von ihrer Macht und verlagerte die Macht in den Gewerkschaften zunehmend weg von der Gewerkschaftsspitze hin zu demokratischen Basisentscheidungen.
In dieser Situation wäre es notwendig gewesen, zum Sturz der Regierung und des Profitsystems aufzurufen. Doch das Verhandlungskomitee des TUC machte statt dessen hinter dem Rücken der Bergarbeiter*innengewerkschaft einen Deal, welcher Lohneinbußen und eine Verlängerung der Arbeitszeit der Kumpel nach sich zog. Als sich die Führung der Bergarbeiter*innengewerkschaft weigerte, diesen Deal zu akzeptieren, brach der TUC den Streik trotzdem nach nur neun Tagen (3.-12.05.1926) ab, um die Verhandlungsverweigerung der Regierung zu durchbrechen. Doch die Arbeiter*innen selbst wollten keinen Schritt zurückweichen. Einen Tag nach dem von der TUC-Spitze verordneten Ende des Streiks streikten sogar 100.000 Arbeiter*innen mehr als am Tag zuvor!
Dies war wohl auch die Folge davon, dass jetzt auch schon in anderen Branchen Lohnkürzungen und Konsequenzen für die Streikenden angekündigt wurden. In zahlreichen Regionen wurden die Streiks durch die lokalen Aktionskomitees fortgesetzt, einzelne Gewerkschaften mussten diese auch autorisieren, nachdem der schmutzige Deal des TUC zu wütenden Demonstrationen gegen die Gewerkschaftsspitze geführt hatte. Trotzdem mussten immer mehr und mehr Arbeiter*innen nach mehreren Tagen tumultartiger Zustände und der Verwirrung erbittert an die Arbeitsplätze zurückkehren. Schließlich wurden die Bergarbeiter*innen alleine gelassen; sie setzen ihren Kampf trotzdem bis Oktober fort. Der Hunger und die Isolation der Streikenden durch den TUC hat schließlich auch sie in eine verheerende Niederlage gedrängt, von welcher sie sich Jahrzehnte nicht erholten.
Lehren
Auch wenn der Generalstreik mit einer Niederlage endete, welche die gesamte britische Arbeiter*innenbewegung zurückwarf, tausende Aktivist*innen verurteilt oder entlassen, die Löhne nahezu flächendeckend gekürzt und schließlich auch Generalstreiks verboten wurden, so hält dieses historische Beispiel doch noch immer eine Reihe von Lehren für uns bereit. Der Streik hätte gewonnen werden können! Das zeigte auch die Reaktion der Arbeiter*innen. Als Folge der fast kampflosen Kapitulation der Gewerkschaftsspitze traten Millionen Mitglieder aus.
Die positiven Erfahrungen, welche den Erfolg möglich gemacht hätten, waren die eindrucksvolle gewerkschaftsübergreifende Solidarität, die Selbstorganisation der lokalen Communities der Arbeiter*innenklasse, sowie die kämpferische Demokratie der Aktionskomitees. Diese zeigen den Weg, wie auch heute noch Arbeitskämpfe gewonnen werden können. Und eine Situation wie 1926 in Britannien, wo alles andere als ein erfolgreicher Generalstreik als Reaktion auf die massiven Angriffe des Kapitals zu massiven Einschnitten bei unseren Lebensbedingungen führen würde, kann jederzeit auch in Österreich wieder kommen. Ein neuer Februar 1934 oder ein Oktober 1950, welche beide mit schweren Niederlagen für unsere Bewegung endeten, sind nie auszuschließen. In Anbetracht des sozialen Kahlschlags ist Österreich heute heute möglicherweise wieder nur mehr einen Hauch von dieser Situation entfernt.
Eines machte aber auch dieser Generalstreik klar: Ein Arbeitskampf kann nur dann wirklich erfolgreich geführt werden, wenn er von der Basis selbst auf Grundlage demokratischer Entscheidungen geführt wird. In dieser Situation gibt es nichts Schlimmeres als die alltägliche Taktiererei der Gewerkschaftsspitze; diese ist der Nährboden jeder Niederlage. In einer Situation wie 1926 in Britannien braucht es ganz im Gegenteil entschiedenes Handeln ohne Wenn und Aber.
Der Schlüssel zum Erfolg bei Arbeitskämpfen liegt also im Aufbau von Basisstrukturen, und das am Besten schon lange bevor ein solcher Kampf beginnt. Nur wenn diese ausreichend verankert sind, können sie während des Kampfes die dann zumeist überforderte Gewerkschaftsspitze, deren Lebensberechtigung im Verhandeln, und eben nicht im Kämpfen besteht, solange sie reformistisch ist, erfolgreich ersetzen.
Der Generalstreik von 1926 zeigt aber auch deutlich, was in Situationen passiert, in welchen sich die Widersprüche des Kapitalismus bis zum letzten verschärfen. In solch einer Situation stellen sich größere Aufgaben: Entweder wir beenden die Herrschaft des Profitsystems ein für alle mal oder wir erleiden eine Niederlage, die uns Lohnabhängige für Jahrzehnte demoralisieren und unsere Lebensbedingungen massiv zurückwerfen kann; die österreichische Arbeiter*innenbewegung z.B. hat sich bis heute nicht wirklich von der durch die Spitze der heutigen SPÖ abgesagte Revolution und vom Februar 1934 erholt. Die Gefahr einer Wiederholung solcher Ereignisse können wir jedoch vermeiden, wenn wir die Lehren aus dem Britannien des Jahres 1926 beherzigen, sobald die nächste solche Situation eintritt. Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren!
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