Wir veröffentlichen hier für euch übersetzt einen Beitrag des Initiators der Organisation für russische Deserteure „Hartes Zeichen“ (Твердый Знак) Vladimir Bernhardt, der klar zeigt, dass im Gegensatz zur westlichen Propaganda, viele Russ*innen Putins Krieg auch nicht wollen.
Ich wurde selbst eingezogen und bin desertiert. Nach meiner Einberufung arbeitete ich zwei Jahre lang als Militärarzt. Ich kümmerte mich um die Verwundeten, und irgendwann richtete ich einen Telegram-Kanal gegen den Krieg ein, wofür ich bestraft wurde. Auf Befehl des Verteidigungsministeriums wurde ich zusammengeschlagen und in eine Grube gesteckt. Letztendlich sollte ich getötet werden. Man bot mir an, meinen YouTube-Kanal und meinen Telegram-Kanal zu löschen.
Ich versuchte weiterhin, Verwundete in der Armee zu retten, aber irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht mehr weitermachen kann, und als ich auf Urlaub war, kehrte ich nicht mehr zurück. Und weil ich damit rechnete, dass sie nach mir suchen würden, habe ich mich zehn Monate lang in einem Zelt im Wald versteckt. Danach habe ich versucht, über die Berge Georgiens zu fliehen. Das hat nicht geklappt. Sie haben mich eingeholt.
Achtzig Personen waren hinter mir her: Angehörige der russischen Garde, des FSB (Inlandsgeheimdienst) und der Polizei. Als ich gesucht wurde, warf man mir vor, weiterhin einen Telegram-Kanal und einen YouTube-Kanal betrieben zu haben. Zwei Monate lang war ich in einem Käfig eingesperrt; ich sollte an der Front sterben, indem man mich an die Frontlinie schickte. Doch es gelang mir, durch Sümpfe und Wälder zu fliehen, ich durchquerte andere Staaten und befinde mich nun in Armenien.
In Armenien habe ich viele andere Deserteure getroffen und die Evakuierung von Deserteuren aus Russland organisiert. Wir haben viele Freiwillige, und ich rufe möglichst viele russische Soldaten dazu auf, zu desertieren. Die Organisation heißt „tviordy znak“ – das „harte Zeichen“ (Ъ) ist einer der Buchstaben des russischen Alphabets. Unser Ziel ist es, massive Desertionen zu erreichen, damit weniger Menschen getötet werden und der Krieg beendet wird.
Der Name der Organisation ist ein Buchstabe, der in anderen Sprachen nicht existiert, und soll auf unsere Entschlossenheit verweisen. Wir streben daher die Anerkennung des Flüchtlingsstatus für Deserteure an, damit sie politisches Asyl erhalten, und hoffen, durch diese massiven Desertionen das Putin-Regime zu schwächen. Wir halten das Desertieren für die richtige Entscheidung, sind gegen den Krieg und vergleichen das Putin-Regime mit einem faschistischen [Anm. der Redaktion: Wir teilen diese Definition von Faschismus nicht, welche jede Form autoritärer oder rechter Herrschaft wie jener des russischen Regimes mit dem Faschismus gleichsetzt] Regime, ähnlich dem Regime, das versucht hatte, in die UdSSR einzumarschieren.
Ich möchte hinzufügen, dass es die Deserteuren dem Krieg sehr ablehnend gegenüberstehen, und dass sie – unabhängig davon, aus welchen Gründen sie einberufen wurden oder den Krieg zu einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht sogar befürwortet haben – dem Putin-Regime sehr feindlich gegenüberstehen.
Die russische Gesellschaft ist gespalten zwischen denen, die diese Deserteure unterstützen, weil sie gegen den Krieg sind, und denen, die sie als Verräter betrachten. Ich bin der Ansicht, dass das russische Regime uns getäuscht hat, aber man es gilt, auch die Macht der Propaganda des Regimes und deren Einfluss auf die russische öffentliche Meinung verstehen.
Ich kann weder einen ukrainischen Soldaten, der Krieg führt, noch einen, der desertiert, verurteilen, aber ich unterstütze auch die ukrainischen Deserteure. Übrigens haben mich, einen ehemaligen russischen Soldaten, in diesem Zusammenhang bereits zweimal ukrainische Deserteure kontaktiert.
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